Europas Chance in der Digitalisierung

In den letzten Jahren hat sich meine Arbeit stark verändert: Englischsprachiger Content ist inzwischen stärker nachgefragt als deutsche Inhalte. Immer mehr Unternehmen und Organisationen kommunizieren mit internationalen Zielgruppen.

Die englische Sprache ist dafür aktuell die effizienteste Möglichkeit, da sie am weitesten verbreitet ist, allerdings stellt sie für viele Menschen weiterhin eine große Hürde dar. Dies verursacht nicht nur Probleme für Unternehmen, die länderübergreifend agieren, sondern auch für die Politik, die ebenfalls zunehmend internationaler wird. Besonders für die Europäische Union ist es schwer, ein größeres Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, solange die Bürger der Mitgliedstaaten fast ausschließlich die nationalen Medien verfolgen.

Sprachbarrieren sind der Flaschenhals

Wolfgang Blau, Präsident von Condé Nast International, hat daher eine interessante Initiative angeregt: Er schlägt vor, dass die EU die Entwicklung eines Übersetzungsdienstes, der auf Künstlicher Intelligenz basiert, zum vorrangigen Forschungsprojekt erklärt (z.B. im Programm „Future and Emerging Technologies“). Nur so könne die sprachliche Fragmentierung der 510 Millionen EU-Bürger überwunden werden.

Blau meint, eine solche Initiative sei ein wesentlich besserer Einsatz von personellen und finanziellen EU-Ressourcen als die aktuellen Versuche der Zerschlagung von US-IT-Konzernen. Auch der Aufbau europäischer Google- und Facebook-Konkurrenten sei kein sinnvolles Ziel: „Aus der Perspektive der Anwender ist die Internetsuche ein Problem, das bereits gelöst wurde“, betonte er kürzlich in einer Rede vor EU-Vertretern. Auch für die europaweite Distribution von Inhalten seien aus Nutzersicht schon jetzt passable Technologien vorhanden. Der Flaschenhals liege anderswo: bei der Übersetzung.

Kommunikationsschnittstellen nicht den undemokratischen Regimen überlassen

Die maschinelle Übersetzungstechnologie werde auf jeden Fall kommen, so Blau. Wenn nicht aus Europa, dann aus den USA oder – noch wahrscheinlicher – aus China, dessen Regierung bekanntlich ein anderes Verständnis von Meinungs- und Informationsfreiheit hat als die meisten Europäer. Bereits jetzt gewinnen chinesische Internetfirmen in Europa zunehmend Marktanteile. „Wollen wir wirklich, dass diese Schnittstelle zwischen den 24 EU-Sprachen nicht uns selbst gehört?“, fragte Blau.

Der ehemalige Zeit-Online-Chef appellierte an die EU-Politiker, im Zusammenhang mit der Digitalisierung größer zu denken – sowohl bezüglich der möglichen Chancen als auch bezüglich der drohenden Gefahren. Es genüge dabei nicht, sich in die Defensive zu begeben und den Trends nur hinterherzulaufen. Regulierungen seien zwar wichtig: „Gute Gesetze und gute Regulierungen sind ein bisschen wie Gülle – wenn sie richtig angewandt werden, können sie Wunder für das Wachstum bewirken“, scherzte er. „Die Dosierung ist dabei aber entscheidend.“ Wichtig sei vor allem auch die Frage, welche jungen Pflänzchen denn durch diese Düngung genährt werden sollen. Darauf gebe es in Europa noch keine Antwort, abgesehen von den wenig aussichtsreichen Bestrebungen, europäische Facebook- und Google-Klone zu schaffen.

Wichtiger Impuls für die europäische Wirtschaft

Der Appell, in alle Richtungen größer zu denken, richtet sich unterdessen auch an europäische Unternehmen. Die EU ist ein riesiger Markt und die kulturelle Vielfalt kann eine besondere Stärke darstellen, wenn die sprachlichen Barrieren überwunden werden. Es lohnt sich, an entsprechenden Lösungen zu arbeiten und sich in der Politik für die Forcierung des Themas einzusetzen. Nicht zuletzt, weil die Zukunft der EU selbst im Moment auf dem Spiel steht.

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