Neil Gaiman: „Geschichten sind es wert, Dein Leben zu riskieren“

Es ist leicht, fiktive Geschichten als Zeitverschwendung abzutun. Allerdings zeigt sich bei genauerem Hinsehen, dass gutes „Storytelling“ noch immer mit Abstand die effektivste Methode ist, um Wissen weiterzugeben. Aber auch gesellschaftliche Werte, Zusammengehörigkeit, Glauben und politische Überzeugungen verbreiten sich am schnellsten, wenn sie in einer attraktiven Story verpackt sind.

Niemand erklärt das so gut wie der britische Autor Neil Gaiman. In einem Vortrag bei der „Long Now Foundation“ sprach er im vergangenen Jahr darüber, warum Geschichten teilweise über Jahrtausende weitergegeben werden, und welche Bedeutung sie für die Gesellschaft haben.

Überleben im Warschauer Ghetto

Dafür erzählte er selbst die Geschichte seiner Cousine Helen, die während des Kriegs im Warschauer Ghetto gelebt hatte. Obwohl der Besitz von Büchern verboten war, las sie jeden Abend bei verdunkeltem Fenster einen Abschnitt aus „Vom Winde verweht“, um das Gelesene am nächsten Tag einer Gruppe von Mädchen weiterzuerzählen. Gaiman fragte sie, warum sie dafür ihr Leben riskiert hatte, und sie sagte: „Weil die Mädchen dadurch eine Stunde pro Tag nicht im Ghetto waren. Sie waren im amerikanischen Süden, sie erlebten Abenteuer.“

Vier der 20 Mädchen überlebten den Holocaust. Einem davon begegnete Helen noch einmal, als beide bereits alte Frauen waren. Sie sprachen sich mit den Namen von Figuren aus „Vom Winde verweht“ an.

Die Flucht ist real

„Die Magie von fiktiven Geschichten ist, dass sie eine wirkliche Flucht aus einer unerträglichen Situation ermöglichen“, so Gaiman. „Und während dieses Entkommens können sie Dir Wissen und Instrumente verleihen, die Du mit zurück in die reale Welt nimmst, um Dein Leben zu verbessern. (…) Es ist eine echte Flucht, und wenn Du zurückkommst, bist Du besser gewappnet als vorher.“

Gaimans Fazit: Geschichten sind alles andere als trivial. „Sie sind es wert, Dein Leben zu riskieren.“

Hier geht’s zum Video des Vortrags (die beschriebene Stelle beginnt bei Minute 36:25, aber der komplette Vortrag ist sehr hörenswert):

longnow.org/seminars/02015/jun/09/how-stories-last

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