„News sind irrelevant“

Als Journalist ist man praktisch verpflichtet, Nachrichtensendungen wie die Tagesschau toll und wichtig zu finden. Tageszeitungen wie den Weser-Kurier natürlich auch. Wenn ich – auf die Frage nach meiner Meinung zu bestimmten Sendungen – erzähle, dass ich seit acht Jahren keinen Fernseher mehr besitze, trifft das angesichts meines Berufs nicht immer auf wohlwollendes Verständnis.

Mit meiner Unzufriedenheit bin ich jedoch nicht alleine. Es mehren sich die Indizien, dass man die herkömmlichen Nachrichten weitgehend ignorieren kann, ohne etwas Bedeutendes zu verpassen. Wahrscheinlich tut man sich damit sogar einen Riesengefallen. Nicht nur im Sinne von „ignorance is bliss“, sondern aus wirklich handfesten Gründen.

Der Unternehmer und Autor Rolf Dobelli nennt in einem Essay gleich 15 davon (die Originalfassung auf Deutsch gibt es hier als PDF, eine gekürzte Version im Guardian auf Englisch). Eine Auswahl:

  • „News führen zu einer falschen Risikokarte im Kopf“. Egal, für wie abgebrüht man sich hält – die Unglücks- und Katastrophenmeldungen in den täglichen Nachrichten sorgen für ein schiefes Gefahrenbewusstsein. Das gilt übrigens auch für Wirtschaftsmeldungen.
  • „News sind irrelevant“. Dobelli fordert Sie (die Leserinnen und Leser) heraus, aus den gesammelten Nachrichten, die Sie in den letzten zwölf Monaten konsumiert haben, eine zu nennen, die Ihr Leben oder Ihre Karriere bzw. Ihr Geschäft verändert hat. Das wird wahrscheinlich nicht leicht. Falls Sie es doch schaffen, fragt Dobelli: „Wie viel Schrott musste Ihr Hirn verdauen, um zu diesem einen Kleinod zu gelangen?“
  • „News schränken das Verständnis ein“. Die üblichen Nachrichten erklären nichts, sondern sind „wie kleine Blasen, die an der Oberfläche einer komplexen Welt zerplatzen“. Wunderbar treffend beschrieben.
  • „News machen passiv“ und „töten die Kreativität“. Die tägliche Abstumpfung durch News, die wir nicht beeinflussen können, macht uns laut Dobelli pessimistisch und fatalistisch. Darüber hinaus schränke das Pseudowissen aus den News die Kreativität ein und lasse uns auf altbekannte Lösungen zurückgreifen, wenn es vielleicht mal an der Zeit wäre, neue zu finden.

All dies bedeutet aber nicht, dass Medienprodukte grundsätzlich Zeitverschwendung sind. Dobelli hebt insbesondere investigativen Journalismus, lange Hintergrundartikel und Bücher hervor.

Ich selbst würde ergänzen: Im Sinne des Punkts „News sind irrelevant“ (s.o.) gibt es auch einen Platz für kurze und multimediale Beiträge, wenn sie denn dem Verständnis einer wichtigen Sache dienen.

Machen Sie es besser!

Blogs, Twitter und Fachportale bringen einen sehr großen Nutzen, wenn man sie gezielt einsetzt, denn in diesem Fall ist die „Schrott/Kleinod-Rate“ deutlich günstiger als beispielsweise bei einer herkömmlichen Tageszeitung, die alle Themen für alle Menschen abdecken will und am Ende nichts richtig macht (Dobelli selbst empfiehlt übrigens auch Internet-Kurse wie iTunes University, Khan Academy und Academic Earth).

Daher können nicht nur Journalisten, sondern alle Personen mit einer besonderen Sachkenntnis – natürlich auch in Unternehmen – sinnvolle „Nachrichten“ (aus Mangel eines besseren Wortes) erstellen.

Wichtig ist dabei, nicht die oberflächlichen Pseudo-News nachzuahmen, die man aus den herkömmlichen Medien kennt, sondern stattdessen einen echten Wert zu liefern. Es darf auch ruhig mal anspruchsvoll sein und einen gewissen Aufwand verursachen.

Lehren für die Unternehmenskommunikation ziehen

Ich mache mich übrigens gerade teilweise des Punktes 10 im Essay von Rolf Dobelli schuldig („News werden von Journalisten gemacht“) und „klaube meine News von Berichten anderer Autoren zusammen“, nämlich aus dem Artikel von Herrn Dobelli selbst. Die Hoffnung ist aber, dass dadurch der eine oder andere zum Originalartikel geführt wird und das ganze Ding liest. Und dann ggf. die richtigen Lehren für die Unternehmenskommunikation daraus zieht – oder fürs übrige Leben.

Die eingesetzte Zeit lohnt sich auf jeden Fall und kann ggf. vom heutigen News-Konsum abgezogen werden.

Nachtrag: Unterstützen Sie weiter guten Journalismus, wenn Sie ihm begegnen, in welcher Form auch immer.

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