Keine Angst vor den Datenschützern

If it's on the Internet, it isn't private.Jeder nutzt inzwischen Social Media. Unternehmen, Verbraucher, Lehrer, Schüler, Omas und Opas, Politiker, Behörden, Hilfsorganisationen – alle. Und das weltweit. Nur einige Handvoll Personen stemmen sich noch gegen diese Entwicklung: die Landesbeauftragten für Datenschutz.

Sie haben es auch immerhin geschafft, eine Welle der Verunsicherung auszulösen, die eine Reihe von Unternehmen und Einrichtungen in ihren Plänen zur Nutzung der neuen Kommunikationswege gebremst hat. Kein Unternehmen und keine Einrichtung sollte sich jedoch davon abhalten lassen, soziale Netzwerke zu nutzen.

Private und öffentliche Diskussionen verlagern sich immer stärker auf diese Plattformen – ob es nun Facebook, Google+, Twitter, Xing oder Blogs sind. Unabhängig vom Netzwerk erwarten viele Menschen inzwischen auch eine offene Kommunikation anstelle der herkömmlichen Einbahnstraßenbeschallung. Dieser Trend ist definitiv nicht aufzuhalten.

Deutschland als Internet-Sandbank

Die Datenschützer drängen berechtigterweise auf mehr Transparenz bei Unternehmen wie Facebook. Wenn die Nutzer transparent sind, sollte es auch das Netzwerk sein.

Allerdings übertreiben die Landesbeauftragten maßlos, wenn sie fordern, „Gefällt-mir“-Knöpfe zu entfernen oder Unternehmensseiten komplett zu löschen. Das geht an den Bedürfnissen der Menschen vorbei und wird sich nicht dauerhaft als nationale Insellösung aufrecht erhalten lassen. Es sei denn, Deutschland orientiert sich bei seiner Medienpolitik an Vorbildern wie Burma.

Schockierend: Arbeitskollegen könnten das Alter erfahren

Wie realitätsfern die Diskussion in Deutschland noch ist, hat die bremische Landesbeauftragte für den Datenschutz am Freitag mit einer besonders hilflosen Stellungnahme demonstriert. Anlässlich der Veröffentlichung ihres jährlichen Datenschutzberichts begann sie ihre Pressemitteilung mit folgendem fiktiven Schreckensszenario (Hinweis für mitlesende Nicht-Bremer: das Fegen der Domtreppen ist ein lokaler Brauch am 30. Geburtstag):

„Ein Bremer fegt die Treppen vor dem Dom. Am nächsten Morgen gratuliert ihm seine Kollegin nachträglich zum 30. Geburtstag, obwohl er am Arbeitsplatz immer peinlich genau darauf geachtet hatte, sein Alter geheim zu halten. Auch wurde seine Fege-Aktion außer von seinen Freundinnen und Freunden nur von ein paar Touristinnen beobachtet. Wie konnte die Kollegin trotzdem davon erfahren? Die Antwort ist einfach: Eine der Touristinnen hat ein Foto von unserem Bremer ins Internet gestellt. Ein Gesichtserkennungsprogramm hat ganze Arbeit geleistet und die Kollegin hat gerade an diesem Morgen im Internet nach Bildern unseres Bremers gesucht. Dass die Touristin das Foto ins Internet gestellt hat, ohne den Abgebildeten zu fragen, ist ein Akt der informationellen Fremdbestimmung. Dies ist ein nicht sehr unrealistischer, aber fiktiver Fall.“

Wenn das die größte Sorge der Datenschützer ist, können wir wohl alle beruhigt weiterschlafen. Dem Landesamt ist kein besseres Beispiel eingefallen – nicht einmal fiktiv – als dieser alberne 30. Geburtstag? Über die Fragwürdigkeit des Vorhabens, seinen geheimen Geburtstag ausgerechnet auf den Domtreppen zu zelebrieren, braucht man wohl gar nicht erst zu reden.

Angesichts der Bedeutung des gesamten Themas für die Gesellschaft und die Wirtschaft ist diese naive Pressemitteilung kein Ruhmesblatt für Leute, die sich beruflich damit befassen und nach mehr Regulierung rufen.

Die Nutzer sind den Datenschützern drei Schritte voraus

Die Datenschutzbeauftragte Imke Sommer schreibt an anderer Stelle: „Solange facebook nicht offenlegt, was mit den unzähligen personenbezogenen Daten auf dieser Plattform passiert, kann sich diese Firma nicht auf rechtswirksame Einwilligungen der Nutzerinnen und Nutzer berufen und können Fanseitenbetreiber ihren gesetzlichen Pflichten nicht genügen!“

Mag sein. Mehr Transparenz ist sicherlich wünschenswert. Vielleicht entsprechen die gesetzlichen Pflichten aber auch nicht mehr dem Stand der medialen Entwicklung. Den Nutzern scheint es jedenfalls vollkommen wurscht zu sein, denn sie geben an jeder Internet-Ecke freiwillig ihre personenbezogenen Daten ein. Und es kann inzwischen kaum noch jemand behaupten, dass er glaubt, diese Informationen würden dort so sicher liegen wie in Fort Knox.

„Bevölkerung definiert neu, was normal ist“

Fast jeder ist inzwischen bereit, für eine kleine Gegenleistung seine Daten abzugeben. Das ist übrigens ein legitimes Geschäftsmodell: Gib mir Deine Daten und ich „schenke“ Dir etwas.

Dieses Modell wurde auch nicht erst mit dem Internet erfunden. Deswegen sagt der amerikanische Marketing-Experte Seth Godin: „Ich glaube, die Abnahme der gefühlten Privatsphäre vollzieht sich schneller als die meisten Leute es erwartet haben. Dies führt einerseits zu einer kleinen Gruppe frustrierter Leute, die Angst davor haben, was über sie bekannt ist, und andererseits zu einem größeren Anteil der Bevölkerung, der neu definiert, was er für normal hält. Wir hatten schon seit Jahrzehnten keine Privatsphäre mehr, aber das Social Web macht dies besonders deutlich.“

Anmerkung: Godin hat das Wort „privacy“ benutzt, das sowohl für Privatsphäre als auch für Datenschutz steht. Den kompletten Verlust der Privatsphäre hat er sicherlich nicht gemeint.

Auf einem Auge blind

Es sind ohnehin nicht nur die sorglosen Amerikaner, die Daten freigiebig streuen. Wenn es einflussreichen Lobbys gefällt, läuft es in Deutschland genauso – ohne Aufschrei der Datenschützer. Krankenkassen schieben beispielsweise die Daten von Aufnahmeanträgen untereinander hin und her – weshalb inzwischen geraten wird, Anträge zunächst anonym einzureichen. Wer das nicht weiß, hat Pech gehabt. Die Datenschützer arbeiten sich aber lieber an Kommunikationsplattformen ab, die von der Masse der Bevölkerung längst verstanden und akzeptiert sind.

Bei allem Eifer werden die Landesbeauftragten den Rest der Welt nicht aufhalten können. Gerade kleine Unternehmen sollten sich daher nicht verunsichern lassen und jetzt die Chancen nutzen, die sich bieten. Je früher man dabei ist, desto bessere Karten hat man – wie fast immer im Leben.

Dass mit den Daten der Kunden und Nutzer besonders sorgsam umgegangen werden sollte, versteht sich von selbst. Für diese Feststellung braucht es keine Landesbeauftragten, sondern nur die Erkenntnis, dass die Kundenbeziehungen sonst auf sehr wackeligen Füßen stehen.

Abbildung: DonkeyHotey/Flickr

, ,

No comments yet.

Schreibe einen Kommentar

Powered by WordPress. Designed by WooThemes