„Jugend forscht“ – wo Schüler noch Spaß am Lernen haben

Junger Forscher mit innovativem Flugobjekt.Kaum etwas motiviert einen mehr, als anderen motivierten Menschen zu begegnen. Kein Wunder also, dass die Schule – im Umkehrschluss – ein Abwärtsstrudel der Leistungsbereitschaft ist: Es fängt bei vielen überlasteten, frustrierten, falsch ausgebildeten Lehrern an und setzt sich dann von einem Schüler zum nächsten fort.

Dass es auch anders geht, habe ich letzte Woche beim Wettbewerb „Jugend forscht“ für Bremen-Nord erlebt. Der Enthusiasmus war ansteckend: Einige Schülerinnen und Schüler haben mir mit einer Begeisterung von ihren Projekten erzählt, die einfach nur Spaß gemacht hat.

Selbstständiges Experimentieren gilt in der Schule als Luxus

Im Rahmen ihrer Arbeiten haben sie Eigenschaften trainiert, die im Berufsleben später stark nachgefragt sein werden, z.B. Kreativität, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und selbstständiges Denken.

Das ist allerdings fast alles außerhalb des normalen Unterrichts passiert, denn diese freie Entwicklung von wichtigen „soft skills“ gilt als Luxus. Im Schulalltag wird dagegen auf das stumpfe Durchprügeln des Lehrplans gesetzt. Noch ein Buch von Goethe, denn das gehört ja schon seit 200 Jahren zur Allgemeinbildung, und noch eine mathematische Formel, ohne die ein Schüler auf keinen Fall in die Welt entlassen werden darf.

Die Angst vor der Verdummung durch das 12-jährige Abitur tut ihr Übriges, denn aufgrund der zusammengestauchten Lehrpläne bleibt nun noch weniger Luft zur freien Entfaltung der Schüler.

„Pisa-Krüppel“ statt junger Forscher

Den endgültigen Todesstoß für freies Denken setzt dann die grassierende Vergleichswut zwischen Bundesländern und EU-Staaten. Normen werden entwickelt, als wären Schulen Fabriken, in denen Schüler nach immer gleichem Schema bearbeitet und in standardisierter Form auf den Arbeitsmarkt gespült werden müssten. Am besten komplett mit Benchmarkstudien, wie viele Standard-Absolventen eine Schule mit möglichst wenigen Lehrern ausspuckt.

Statt ewig den Rankings hinterher zu hecheln und „Pisa-Krüppel“ zu züchten, wie es der Kabarettist Georg Schramm treffend boshaft formuliert, würde man den Kindern und der Gesellschaft einen größeren Gefallen tun, wenn man sie stärker zu selbstständigem Lernen anleiten würde.

Standardisierte Arbeitskräfte, die als Zahnräder in großen Konzernen gut funktionieren, werden ohnehin immer weniger gebraucht.

Was Blumen von Justin Bieber halten

Zurück zum Positiven: In den Schülerinnen und Schülern sind die Qualitäten schon angelegt, die für persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg am wichtigsten sind: das Fragenstellen und die Bereitschaft, nach Antworten zu graben. Beispiele vom Wettbewerb „Jugend forscht“ bzw. „Schüler experimentieren“:

  • Vier Schülerinnen wunderten sich, dass Freunde nicht mit in die Einkaufsstraße von Bremen-Vegesack kommen wollten, sondern nur ins Einkaufszentrum Haven Höövt. Daraufhin haben sie 200 Menschen zu ihren Einkaufsvorlieben befragt, die Angaben ausgewertet und sich erkundigt, was gegen den Leerstand von Läden im Zentrum des Ortsteils unternommen wird.
  • „Wir haben öfters beobachtet, wie unsere Eltern und Großeltern geschimpft haben, weil sie eine Verpackung nicht öffnen konnten“, berichteten zwei Zehn- und Elfjährige. Daraufhin haben sie einen „Krebsarm“ entwickelt, der das Öffnen der Verpackung mit einem Aufreißfaden erleichtert.
  • Zwei Schülerinnen beobachteten im Klassenraum, dass es einer Pflanze nicht mehr gut ging, nachdem sie mit Apfelsaft übergossen worden war. Daher unterzogen sie 19 Veilchen unterschiedlichen Tests: „Dürfen Pflanzen Kaffee trinken?“ lautete ihre Fragestellung (Ergebnis: lieber nicht). Auch Bier und Cola mussten die Blumen schlucken. Die Schülerinnen fanden auch heraus, dass unterschiedliche Musikbeschallung offenbar keine Auswirkungen hat („Hannahs Eltern haben gesagt, bei Justin Bieber gehen die Blumen ein, aber das stimmte nicht.“).

Nicht unterkriegen lassen

Gut gefallen hat mir auch Felix, der mit einem überarbeiteten Flugobjekt zum zweiten Mal an den Start ging, nachdem es im vergangenen Jahr zu schwer zum Abheben war. Dieses Mal warf ihn ein Motorschaden zurück.

Im Falle des Sieges im Regionalwettbewerb wollte er bis zum Landeswettbewerb die Probleme behoben haben, andernfalls würde er im nächsten Jahr eben nochmal wiederkommen, sagte er. Diese entspannte, positive Einstellung zum Misserfolg wird – so habe ich den Eindruck – in Schule und Arbeitswelt nicht immer gefördert (in Familien allerdings wohl auch nicht). Felix gehörte dann übrigens doch verdient zu den Siegern im Bereich „Technik“.

Und nicht zuletzt war da noch der 12-jährige Dominik. Für einen Freund, der im Rollstuhl sitzt und seinen Arm nicht mehr heben kann, hat er eine Unterrichts-Meldehilfe gebaut. Mit unterschiedlichen Lampen und Summtönen kann er sich nun bei Lehrern oder Betreuern bemerkbar machen. Der Erfolg dieser Arbeit hat Dominik motiviert, weiter an Hilfen für Rollstuhlfahrer zu basteln. Demnächst will er sich mit GPS-Technik befassen.

70 spannende Projekte, die außerhalb der Schule entstanden sind

Dies waren nur fünf von insgesamt rund 70 interessanten Projekten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben dabei sicher mehr gelernt als beim stumpfen Durchpauken des Lehrplans, der sie zu einem besseren Abschneiden beim Pisa-Test befähigen soll. Es ist mir unverständlich, warum dieses selbstständige Experimentieren – wohlgemerkt auf eigenen Interessen basierend – nicht wesentlich mehr Raum in der Schule einnimmt.

Den Pisa-Ergebnissen könnte das abträglich oder auch zuträglich sein, ich weiß es nicht. Den Schülern und der Gesellschaft würde es aber auf jeden Fall zu Gute kommen – da bin ich mir sicher. Denn in meinem Alltag als Wirtschaftsjournalist begegnen mir immer wieder Menschen, die diese Fähigkeiten im Laufe ihres Lebens kultiviert haben. Und das sind auch die Personen, die mich am meisten motivieren.

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