„Inszeniertes Finanztheater“ – HWWI-Chef über die Schuldenkrise

Thomas Straubhaar über die Schuldenkrise: "Inszeniertes Finanztheater" Zur Abwechslung mal ein Thema, das nur am Rande mit Medien und Öffentlichkeitsarbeit zu tun hat. Der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, hat kürzlich in der Handelskammer Bremen seine Sicht der Schuldenkrise erläutert und sie als „inszeniertes Finanztheater“ bezeichnet. Ein Teil des Problems sei, dass auch er als Experte wesentlich leichter in den Medien zu Wort komme, wenn er eine provokante Meinung vertrete.

Dieser Sachverhalt ist nicht neu, zeigt aber einmal mehr, dass selbst prominente Wissenschaftler bzw. Institutsdirektoren sich eine gute Story einfallen lassen müssen, um in den traditionellen Medien gehört zu werden. Für kleine, unbekannte Unternehmen gilt das erst recht.

Unabhängig davon fand ich Straubhaars Einschätzungen und Lösungsvorschläge sehr interessant, daher kommt hier die Langfassung eines Artikels, den ich für die Januar-Ausgabe der „Wirtschaft in Bremen“ geschrieben habe:

 

Die Lehren aus dem „Finanztheater“

HWWI-Chef Prof. Dr. Thomas Straubhaar riet bei einem Vortrag in der Handelskammer zu einer Rückbesinnung auf kontinentaleuropäische Werte und zur Kündigung der Basler Verträge. Den Euro sieht er nicht in Gefahr.

Die Vereinigung Europas ist eine Erfolgsgeschichte, allerdings wird seit Monaten vor allem an der Währungsunion immer stärker gerüttelt. Unter dem Titel „Finanz- und Schuldenkrise – Ein inszeniertes Finanztheater?“ beleuchtete der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, Prof. Dr. Thomas Straubhaar, am 13. Dezember in der Handelskammer die Gründe der Misere und gab Handlungsempfehlungen.

Einleitend stellet Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Dr. Mathias Fonger fest, dass die internationale Schuldenkrise für den Außenhandelsstandort Bremen auch ein bedeutendes lokales Thema ist. Ein vereinigtes Europa bleibe die richtige Perspektive für eine globalisierte Welt, „ein Zurück zu Nationalstaaten kann es nicht geben“. Die Kammer sehe sich hier auch selbst in der Pflicht und werde politische Forderungen in Zukunft immer mit entsprechenden Finanzierungsvorschlägen flankieren.

„Vom Prinzip Angst profitieren“

Straubhaar erklärte zunächst, warum er die Eurokrise für „inszeniertes Theater“ hält. Es gebe viele Gruppen, die von der Unsicherheit profitieren und Interesse hätten, die Ängste in den Medien am Köcheln halten. „Das beginnt bei mir als Ökonom: Wenn ich in die Zeitung will, muss ich die Zukunft nur dramatisch darstellen.“

Solange die Finanzakteure nach der Zahl der Transaktionen bezahlt werden und nicht nach Erfolg, sei auch dort das Interesse an Unsicherheit groß. Das Gleiche gelte für ganze Finanzplätze wie London oder Frankfurt mit ihren Börsen und allem, was daran hängt. Nicht zuletzt würden auch die Politik und die Ratingagenturen vom Prinzip Angst profitieren.

Schuldenkrise dennoch bedrohlich

Er sei überzeugt, dass es den Euro noch lange geben werde, so Straubhaar. „Die Politik wird alles tun, um den Zerfall des Euroraums zu verhindern.“ Er sehe auch nicht die Gefahr einer Inflation. „Ich sehe eher das Problem, dass die Situation ins Gegenteil abrutschen könnte, zur Deflation.“ Insgesamt sei der Euro ein wichtiger Teil der europäischen Integration, die für Deutschland mehr Vor- als Nachteile habe.

Während er den Euro nicht in Gefahr sieht, hält er die Schuldenkrise durchaus für bedrohlich. Viele Staaten befänden sich inzwischen im Teufelskreis von überbordender Verschuldung und steigenden Zinslasten. Das Aufspannen eines Rettungsschirms hält er für den richtigen Weg, um den Dominoeffekt unter den Staaten aufzuhalten.

Darüber hinaus sieht er vier Lehren, die aus dem „Finanztheater“ gewonnen werden können:

1. Ratingagenturen entmachten
„Fakt ist, dass die Ratingagenturen bei diesem Finanztheater eine sehr undurchsichtige Rolle gespielt haben“, so Straubhaar. Ein Problem: Es handele sich um private Aktiengesellschaften, die ihre Gewinne maximieren müssen. „Die Finanzierung der Agenturen durch private Firmen bedeutet, dass die Spieler die Schiedsrichter bezahlen. Ich will nicht sagen, dass so sogar der HSV Meister werden könnte, aber es kann kein gutes Spiel werden.“

Darüber hinaus sei der Anreiz für Insidergeschäfte sehr groß – vor dem Herabstufen eines Staates könnten über Nacht Milliarden verdient werden, indem auf fallende Kurse spekuliert wird. Genau solche Fälle würden zurzeit in den USA untersucht.

Die Agenturen sollten laut Straubhaar weder verboten noch europäisiert werden. Aber: „Die Urteile der Agenturen sollten nur eine Meinung sein. Jedem muss überlassen bleiben, wie er damit umgeht.“ Das Grundproblem der Ratingagenturen sei, dass sie eine Aufgabe lösen sollen, die nicht zu leisten ist: die Bewertung von Risiken und Unternehmenswerten „auf Knopfdruck“.

2. „Too big to fail“-Problem lösen
Straubhaar definiert „Too big to fail“ so: „Wenn Sie etwas in den Sand setzen, hat das Einflüsse auf die ganze Makroökonomie.“ Es dürfe aber nicht sein, dass man unbeteiligte Dritte mit niederreiße. „Wenn Sie wissen dass Sie zu groß werden um nicht mehr fallengelassen werden zu können, dann gehen Sie auch anders mit ihren Risiken um. Sie können ja günstigere Kondition anbieten als kleinere Wettbewerber, weil Sie wissen, dass Sie sich auf den Staat verlassen können.“

Das Band zwischen Marktwirtschaft und Haftung dürfe nicht getrennt werden. „Sonst ist das eine Einladung, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren.“ Sein Vorschlag: Je größer die Bank, desto höher müsse die Eigenkapitalquote sein. Dadurch werde nicht nur das erhöhte Risiko besser gedeckt, sondern auch der Anreiz gesenkt, immer größer zu werden.

Von einer Transaktionssteuer hält er unterdessen nichts: „Das wäre einfach eine weitere Steuer. Wenn man die Banken erreichen will, muss man an deren Gewinne ran.“

3. Basler Beschlüsse kündigen
Die Unterzeichnung der Verträge war laut Straubhaar „ein großer Fehler“. Die Regeln träfen Europa viel härter als die USA und seien stark auf kurzfristige Optimierungen ausgelegt. Es sei sinnvoll, sich nun wieder auf kontinentaleuropäische Werte zu besinnen, wie sie das Handelsgesetzbuch und das Prinzip des „ehrbaren Kaufmanns“ vorsehen.

4. Vorsicht vor Standardisierung
Hinter den Basler Verträgen und den Ratingagenturen stehe der Gedanke, dass globale Märkte auch globale Spielregeln benötigen. „Ich glaube, das ist falsch“, so Straubhaar. „Überall, wo wir das versucht haben, ist es falsch gelaufen.“ Man müsse sich fragen, wo man überzeugt ist, dass die europäischen Regeln gut sind. Dann müsse man auch das Risiko eingehen, „dass der eine oder andere Finanzakteur Deutschland verlässt. Man sollte sich nicht von jeder Drohung ins Bockshorn jagen lassen.“

Mittelständische Unternehmen müssen sich laut Straubhaar jetzt darauf einstellen, dass die sogenannte Kreditklemme zum Dauerzustand wird. In Zukunft sei damit zu rechnen, dass China einen Teil des benötigten Eigenkapitals bereitstelle, indem es sich an europäischen Unternehmen beteiligt. Vor diesem Szenario müsse auch niemand Angst haben – im Gegenteil: „Uns kann nichts Besseres passieren, als über diese Schiene einen großen Player wie China in die Weltwirtschaft zu integrieren.“

Die Sorge vor der wachsenden Wirtschaftsgroßmacht Japan sei früher genauso groß gewesen, habe sich aber als unberechtigt erwiesen. „Irgendwann war die europäische Innovationskraft wieder größer als die der Japaner.“

Straubhaar gab zu, dass er seine Meinung zu diesen Themen in den letzten Jahren geändert hat. „Bis 2008 habe ich geglaubt, Finanzmärkte seien effizient. Das glaube ich heute nicht mehr.“ Dennoch zeigte er sich optimistisch: „2020 werden immer noch den Euro haben. Und bis dahin werden wir Europa Schritt für Schritt Europa wieder voranbringen.“

Foto: HWWI

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