Firmenvideos: Keine Angst vor der Wahrheit

Deutsche Unternehmensvideos strotzen meistens vor Seriosität – und Langeweile. Dahinter steht die Angst, sich angreifbar zu machen, wenn man sich als Persönlichkeit darstellt oder gar Schwächen zeigt. Ins andere Extrem bewegt sich dieser amerikanische Anbieter von transportablen Häusern:

Er zeigt nicht nur die blutlachenartigen Flecken auf dem Fußboden eines gebrauchten Hauses („We cover them up“), sondern erwähnt auch, dass der Liebhaber seiner Frau ihm mal den Kiefer gebrochen hat – mit der Pointe: „Wenn Sie bei mir kein Haus kaufen, verletzen Sie nicht meine Gefühle“.

Ein sehr schräges Video, das von zwei Komikern im Rahmen einer Serie von unorthodoxen Werbefilmen für kleine Unternehmen gedreht wurde. Gesponsert werden die Videos vom Finanzdienstleister MicroBilt, der sich davon größere Popularität bei seinen kleinen gewerblichen Kunden verspricht. MicroBilt taucht selbst nur am Ende kurz auf, der Rest des Films ist tatsächlich ein Werbevideo für das jeweilige Unternehmen.

Ehrlichkeit kommt an

Und es funktioniert. Dem oben dargestellten Unternehmen Cullman Liquidation scheinen trotz der etwas schäbigen Selbstdarstellung keine Kunden wegzulaufen, denn das Video wird auch auf der eigenen Homepage gezeigt.

Die etwas rustikale Werbung dieses Südstaatenbetriebs ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber dennoch können sich viele deutsche Unternehmen und Werbefilmer einige Scheiben davon abschneiden:

  1. Unternehmen müssen auf einer menschlichen Ebene greifbar sein. Man muss den Inhaber oder die Mitarbeiter nicht lieben, aber es hilft, wenn man sie als lebende Menschen erkennt und nicht als glatte Werbefassaden.
  2. Die meisten Unternehmen haben fast panische Angst, Schwächen zu zeigen. Dabei weiß jeder, dass nicht immer alles perfekt läuft – auch die Kunden sind nicht so blöd, dass sie das nicht durchschauen. Wer darauf hinweist, dass die Fußböden seiner Häuser manchmal Flecken haben und schulterzuckend erklärt, dass es sich eben nicht um Villen handelt, der hat gleich viele Punkte auf der Ehrlichkeits- und Glaubwürdigkeitsskala gewonnen. Das schafft Vertrauen.

Nicht zuletzt ist aber auch die Strategie von Microbilt einen zweiten Blick wert. Statt seine eigenen, etwas drögen Dienstleistungen darzustellen (u.a. Finanzierungslösungen und Hintergrundchecks von Käufern), werden einfach ausgewählte Kunden in unterhaltsamen Videos vorgestellt – unter dem Motto „I love local commercials“. Der Umstand, dass alleine das Cullmann-Video schon fast 2,4 Millionen Mal bei YouTube angeklickt wurde, zeigt, dass diese Strategie aufgeht.

Ebenfalls sehr schräg ist übrigens dieses Video über die Drogerie „Butt Drugs“ – ebenfalls ein echter Betrieb mit echten Personen im Film.

Lustig ist auch das „Making of“-Video.

Weitere hervorragende Beispiele für intelligente Video-Werbung gibt es hier.

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