PR-Desaster bei Jako – Web 2.0 nicht ernst genommen

In letzter Zeit ist oft vom Internet als „rechtsfreiem Raum“ die Rede. Dem lässt sich vieles entgegensetzen, aber ein Punkt ist heute wieder besonders aktuell: Oft sind es gerade Juristen, die das Internet im wahrsten Sinne des Wortes unsicher machen.

Erwähnt seien beispielsweise die dreisten Abmahnwellen, mit denen unlautere Kanzleien das Telemediengesetz zum schnellen Geldverdienen missbrauchen wollten. Eine neue Unsitte ist es nun, mit Abmahnungen gegen unliebsame Meinungsäußerungen im Internet vorzugehen.

Dies stellt eine Gefahr für anspruchsvolle Journalisten und Blogger dar, denn die wenigsten verfügen über die finanziellen Mittel, den Gang durch die gerichtlichen Distanzen zu überstehen. Aber auch die Unternehmen, die negative Berichterstattung auf diese Weise in den Griff bekommen wollen, gehen ein hohes Risiko ein.

„Social Media“ können nicht mehr missachtet werden

Das Web 2.0 reagiert allergisch auf alles, was ansatzweise nach Zensur riecht. Wer es obendrein an Fingerspitzengefühl mangeln lässt, hat schnell ein PR-Desaster entfacht, das viel schlimmer ist als die ursprüngliche Negativ-Meldung. Diese Erfahrung hat heute die Jako AG gemacht – und es ist davon auszugehen, dass noch viele weitere Unternehmen die „Social Media“ nicht ernst nehmen werden, bevor die Wellen über ihnen zusammenschlagen.

Jako, ein mittelgroßer Anbieter von Sportbekleidung, hatte vor einiger Zeit im Internet einen Blog-Eintrag entdeckt, in dem das neue Logo des Unternehmens abfällig kommentiert wurde. Der genaue Wortlaut ist nicht überliefert, da er vom Betreiber des Blogs „Trainer Baade“ nach der ersten Abmahnung entfernt wurde.

Der weitere Verlauf der Auseinandersetzung kann bei Kai Pahl nachgelesen werden. Den entscheidenden Fehler machte die Rechtsanwältin von Jako aus PR-Sicht jedoch, als sie dem Blogger eine weitere Abmahnung schickte, weil sein Text in einem tschechischen „Newsaggregator“ aufgetaucht war – einem Server, der autark verschiedene Inhalte aus dem Netz zusammensucht.

Google: Blog-Eintrag rangiert vor Jakos Firmen-Website

„Trainer Baade“ soll mittlerweile 5100 Euro Strafe zahlen für einen Artikel, den maximal 400 Personen gelesen hatten. Für eine weitere Veröffentlichung, die jederzeit ohne Zutun des Autors in weiteren Newsaggregatoren auftauchen kann, wird mit 10.000 Euro „Vertragsstrafe“ gedroht – eine endlose Spirale mit unbegrenzten Möglichkeiten für abmahnfreudige Anwälte.

Diese Eskalation seitens der Jako-Anwältin hat dazu geführt, dass am Nachmittag ein Aufschrei durch das Web 2.0 ging. Nachdem Kai Pahl den Fall beschrieben hatte, berichteten zahlreiche weitere Blogger über den Vorgang. Bei Twitter ist Jako zurzeit das Thema Nr. 3 (nach „Piraten“ und „CDU“) – mit stündlich steigender Tendenz.

Wer bei Google nach Jako sucht, findet die Firmenhomepage unter den unbezahlten Einträgen erst an zweiter Stelle – an erster Stelle steht ein Bericht über den Rechtsstreit mit „Trainer Baade“ (lesenswert). Weitere Blog-Einträge folgen nicht weit dahinter.

Mitteilungsfreudige Zielgruppe vergrault

Die PR-Leute von Jako können also folgende Zwischenbilanz ziehen:

  1. Der Artikel, den sie ursprünglich beanstandet haben, erreichte nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, den sie jetzt mit dem Rechtsstreit auf sich ziehen
  2. Das Unternehmen hat seinen Bekanntheitsgrad deutlich gesteigert
  3. Das Image des Unternehmens hat stark gelitten

Das Gravierendste bei alledem: Jako hat eine Zielgruppe gegen sich aufgebracht, die sehr mitteilungsfreudig ist und im positiven Fall aktive Werbung für Unternehmen und Produkte betreibt – man denke nur an Apple. Im negativen Fall kann es lange dauern, bis dieser Schaden wieder repariert ist.

Vorsicht bei schlechtem Rat von Anwälten

Was also hätte Jako anders machen sollen? Die Antwort ist relativ einfach. Wer im Web 2.0 punkten möchte, muss auf Kritiker zugehen und ihnen die Hand reichen. Gerade wenn „große Unternehmen“ sich um „kleine Blogger“ oder Twitterer bemühen, hat das oft einen positiven Überraschungseffekt. So kann aus einer Negativ-Meldung schnell ein sympathischer Auftritt werden. Und selbst wenn nicht, bricht die Welt nicht zusammen. Machen Sie ab sofort wieder positive Schlagzeilen!

Spätestens wenn der betreffende Artikel aus dem Netz genommen wird, sollte das Thema erledigt sein. Lassen Sie Anwälte, die hohe Abmahngebühren kassieren wollen, nicht den Ruf Ihres Unternehmens ruinieren!

Nachtrag: Weitere prominente Fälle, in denen Firmen und Organisationen mit zweifelhaften Abmahnungen ihr eigenes Image beschädigt haben, sind bei Spiegel Online dokumentiert: DFB, Bahn, Media-Markt.

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Trackbacks/Pingbacks

  1. Jack Wolfskin riskiert PR-Desaster im Internet | Kölling Medien-Service - 19. Oktober 2009

    […] war ja abzusehen, dass Jako nicht der letzte Fall von Negativ-PR durch übereifrige Rechtsanwälte und abmahnfreudige Unternehmen bleiben würde. Nur […]

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